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Einzigartig & unverzichtbar: Das System der Gemeinnützigkeit.


Gemeinnützige Bauvereinigungen leisten eine wesentlichen Beitrag zur Versorgung!

Zur Person:

Dr. Reinhard Wieser ist selbstständiger Wirtschaftsprüfer und Steuerberater in Wien und Villach und langjähriges Mitglied im Revisionsvorstand des Österreichischen Verbandes der Gemeinnützigen Bauvereinigungen.





Die Anfänge des gemeinnützigen Wohnens reichen in Österreich bis ins 19. Jahrhundert zurück. Was waren die Beweggründe für dieses bis heute österreichische Spezifikum? Wieser: Die Wohnungsgenossenschaften waren ein Teil der Genossenschaftsbewegung und haben zum Ziel gehabt, den Menschen gesunde Wohnungen zu vernünftigen Preisen zu

verschaffen. Damals haben die Mitglieder an den Wohnungen sogar eigenhändig mitgebaut, also Eigenleistung erbracht. Anfang des 20. Jahrhunderts sind dann auch die ersten Wohnungsgenossenschaften entstanden, in diese Zeit fällt beispielsweise auch die Gründung der „meine heimat“ im Jahr 1908. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften durch staatliche Förderungen dann einen enormen Aufschwung erlebt.


Worin liegen die Vorteile für die Mieter ganz konkret? Wieser: Schon der Begriff gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft beinhaltet, dass der Gemeinnutz vor dem Eigennutz steht. Gemeinnutz heißt, dass die Wohnungsversorgung der Allgemeinheit im Mittelpunkt steht, und nicht für einen eigennützigen Eigentümer, der Gewinn machen will. Es gilt die Kostendeckung. Mieter bei Gemeinnützigen haben außerdem ein lebenslanges Wohnrecht. Daher sind die Mietkosten bei den Gemeinnützigen merklich niedriger als bei Privaten. Übrigens: Gemeinnützige Bauvereinigungen sind nicht subventionierte Betriebe, sie bekommen keine staatlichen Zuschüsse, sondern müssen sich durch kluges und nachhaltiges Wirtschaften heute selbst erhalten.


Die österreichische Wohnungsgemeinnützigkeit wird europaweit als „Role model“, als einzigartig, beschrieben und als wesentliche Ursache für die niedrigere durchschnittliche Wohnkostenbelastung der Österreicher. Zurecht? Wieser: Jeder dritte Österreicher wohnt heute in einer gemeinnützigen Wohnung. Die Gemeinnützigen sind ein unverzichtbarer Bestandteil der österreichischen Wohnungsversorgung. Außerdem haben die Wohnungsgenossenschaften einen sehr guten Ruf. Die „meine heimat“ setzt ja bekanntlich bei Neubauten auf Architektenwettbewerbe und höchste Wohnstandards.


Für die öffentliche Hand eigentlich eine win-win-Situation, oder? Wieser: Ja, die öffentliche Hand hat mit gemeinnützigen Baugenossenschaften somit starke Unternehmen an ihrer Seite, die die Menschen mit leistbaren Wohnungen versorgen, und gleichzeitig braucht der Staat dafür kein Geld ausgeben.


Immer wieder wird gemeinnütziger Wohnbau auch mit spekulationsfreier Wohnungsbewirtschaftung in einem Atemzug genannt, was heißt das ganz konkret?

Wieser: Das gemeinnützige Wohnungsunternehmen kauft nicht Grundstücke in Lagen mit dem höchsten Preis, sondern sie bauen dort, wo echter Bedarf an Wohnungen besteht.

Und Bedarf besteht meist dort, wo die Menschen eben nicht die höchsten Einkommen haben. Die gemeinnützigen Bauvereinigungen leisten damit einen ganz wesentlichen Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung. Außerdem dürfen die Wohnungen nicht, außer an den Mieter selbst, weiterverkauft werden. Somit ist Spekulation völlig ausgeschlossen.


Stimmt es, dass in Deutschland in den 1980er Jahren eine ähnliche Gesetzesgrundlage abgeschafft wurde, derzeit jedoch wieder intensiv eine Wiedereinführung gefordert wird? Wieser: Ein sehr interessanter Aspekt ist, dass in der Europäischen Union die gemeinnützige Wohnungswirtschaft gar nicht existiert. Und Deutschland hat exakt dasselbe System wie wir in Österreich gehabt, dieses System aber in den 1990er Jahren aufgegeben. Hier wurden also die Gemeinnützigen aufgehoben. Das hat dazu geführt, dass Bauvereinigungen verkauft und gekauft wurden - mit allen Nachteilen für die Mieter. Kein Wunder also, dass in Deutschland die Forderung nach der Gemeinnützigkeit wieder lauter wird. Das österreichische System ist einzigartig und unverzichtbar.


Zum Schluss noch eine Frage: ist eine Mitgliedschaft bei einer gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft, also beispielsweise ein Büchlein bei der „meine heimat“, heute noch wertvoll? Wieser: Ja, auf jeden Fall - heute genauso wertvoll wie seinerzeit. Natürlich mit einem etwas anderen Umfeld. Aber wenn beispielsweise Großeltern daran denken, dass sie für ihr Enkerl ein „meine heimat“-Büchlein kaufen, also für sie in jungen Jahren eine Mitgliedschaft erwerben, ist das sicher eine sehr gute Idee.