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Faire Mieten, jetzt und in Zukunft!

Interview mit Helmut Manzenreiter: Das System der Gemeinnützigkeit.

Sie waren fast 30 Jahre lang höchst erfolgreicher Bürgermeister in Villach und haben auch als Vorstandsvorsitzender der meine heimat die Wohnbaupolitik im Lande maßgeblich mitgeprägt. Wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen im Wohnbau?

Manzenreiter: Der soziale Wohnbau in Österreich und speziell in Kärnten ist weltweit einzigartig und für Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen konzipiert. Kärnten hat in den letzten Jahrzehnten hier große Leistungen erbracht. Die früher bestehende Wohnungsnot konnte nicht nur bewältigt werden, sondern heute können relativ rasch Wohnungen zu fairen Preisen für alle Suchenden zur Verfügung gestellt werden.


Kann sich dieses System des gemeinnützigen Wohnbaus auch in Zukunft gegen den privaten Markt und die Interessen von Shareholdern, die gewinnorientiert sind, behaupten?

Manzenreiter: Wir leben in einem Wirtschaftssystem, in dem Erfolg ausschließlich über Gewinne und Aktienkurse definiert wird. Die Gemeinnützigkeit ist hier anders: Sie ist Grund dafür, dass Wohnungen aus den Marktmechanismen Angebot und Nachfrage herausgenommen sind. Dadurch konnte ein echter Stabilitätsfaktor für Wohnungsbau und Mietkosten erfolgreich geschaffen werden.


Ist es in unserer Gesellschaft und in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt noch sexy, keine Gewinne zu machen?

Manzenreiter: Mir gefällt dieser Vergleich sehr gut, weil wir, die Genossenschaften, in der medialen Wahrnehmung sehr oft als zu bieder gesehen werden. Denn erfolgreich ist heutzutage oft nur der, der Gewinne erzielt. Bei uns ist der Gewinner der jeweilige Bewohner. Denn das, was in der privaten Wirtschaft als Gewinn ausgeschüttet wird, schlägt sich bei uns in günstigeren Mieten nieder. Das ist auch die Grundlage dafür, dass deutliche Preisvorteile gegenüber Privaten erzielt werden können.


Stichwort Abwanderung – welche Strategien sind notwendig, um den sozialen Wohnbau zukunftsfit zu machen? Wird weniger Wohnraum benötigt?

Manzenreiter:


Meine langjährige politische Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Abwanderung in Gemeinden, in denen es wenig Jobs gibt und die Infrastruktur nur in geringem Maße vorhanden ist, durch Wohnbau nicht gestoppt werden kann. Die Menschen gehen dorthin, wo sie Arbeit und auch kulturelle und sportliche Angebote haben.

Das führt in manchen Gegenden Österreichs zu Leerstand im Wohnbau. In Kärnten haben die Landesregierung und auch die Wohnbaugesellschaften sowie Genossenschaften schon vor Jahren veranlasst, den Wohnbau in solchen Abwanderungsgebieten sehr vorsichtig zu platzieren. Das Schweizer Konzept könnte dafür eine Lösung sein – nämlich Abwanderung durch einen qualitätsvollen und günstigen öffentlichen Verkehr einzudämmen.


Wie beurteilen Sie das neue Wohnbauförderungsgesetz des Landes – großer Wurf oder Seifenblase?

Manzenreiter: Das neue Wohnbauförderungsgesetz regelt einige technische Dinge neu, und es sichert für die Zukunft Wohnraum zu fairen Preisen. Wobei es immer Menschen geben wird, die sich auch den vergleichsweise günstigen Wohnraum im gemeinnützigen Bereich schwer leisten können. Hier muss die Einzelförderung greifen, auch dies ist im neuen Gesetz sehr großzügig geregelt.


Fakt ist, dass es immer Menschen mit ganz geringem Einkommen geben wird, die sich die Mieten kaum leisten können. Da muss es durch das Land Kärnten unbedingt eine entsprechende Unterstützung geben. Etwas, was Landes-Wohnbaureferentin Gaby Schaunig auch ganz aktuell angekündigt hat: Ab Jänner 2018 wird in Kärnten die Wohnbeihilfe deutlich erhöht.

Zurück zur Baugenossenschaft meine heimat: Im kommenden Jahr feiert die Genossenschaft ihr 110-jähriges Bestandsjubiläum. Heute leben mehr als 20.000 Menschen in hochwertigem meine heimat -Wohnraum. Worin sehen Sie die Gründe für die außergewöhnliche Erfolgsentwicklung?

Manzenreiter: Unsere Herausforderung war immer, für Menschen mit geringem Einkommen da zu sein und trotzdem den modernen Entwicklungen der Zeit Rechnung zu tragen - also hochwertige Architektur, technische Errungenschaften, Service oder Betreuung. Diese Dinge ändern sich, und das sind die Herausforderungen vor denen wir stehen. Unser Anspruch ist es, Wohnen mit Handschlagqualität zu bieten, der in Ausstattung und Lebensqualität einzigartig ist.


Apropos einzigartig: Die meine heimat setzt seit einigen Jahren beim Bau von neuen Wohnanlagen auf besondere Lebensqualität. Stichwort Architektenwettbewerbe und bis zu 30 Quadratmeter große Balkone.

Manzenreiter: Ich habe als Bürgermeister sehr gute Erfahrungen mit Architektenwettbewerben gemacht. Es ist dadurch ein Mehrwert zu erzielen. Deshalb habe ich bei der meine heimat begonnen, Wohnbau mit Architektenwettbewerben zu gestalten. Das hat zu einigem Aufsehen geführt, weil uns Bewohner beispielsweise in Landskron beim Projekt Lido oft sagen, dass sie viele Eigentumsprojekte kennen, die hinsichtlich Architekturqualität an meine heimat-Wohnbau nicht herankommen. Stichwort Balkone: Ich glaube, dass auch die neue Klimasituation dazu führt, dass ein großer Balkon mit viel Platz für eine ganz neue Lebens- und Wohnqualität sorgt. Dies Qualität wollen wir auch in Zukunft bei unseren Projekten sicherstellen.


Wie lässt sich das eigentlich finanzieren, die Mieten sind ja auch nicht höher. Im Gegenteil, sogar um rund 20 Prozent niedriger als bei Privaten, wie schafft die meine heimat diesen Spagat?

Manzenreiter: Einerseits fördert das Land Kärnten diesen Wohnraum sehr großzügig und hilft auch, die Mieten fair zu halten. Andererseits stellen Gemeinden uns Grundstücke gratis oder sehr günstig zur Verfügung. Aber der wohl wichtigste Grund ist, dass wir keine Gewinne machen, wir sind gemeinnützig. Außerdem: gute Architektur muss nicht teuer sein, hohe Qualität erhält man mit Wettbewerben.


Im März 2018 gibt es in Kärnten Landtagswahlen. Besteht die Gefahr, dass sich dies auf den gemeinnützigen Wohnbau negativ auswirken wird?

Manzenreiter: Ich hoffe, dass die Kräfte, die den sozialen Wohnbau unterstützt haben, weiter die Politik gestalten können. Denn gerade in Villach wissen die ESG- und BUWOG-Mieter, dass Politik hier auch für viele Nachteile verantwortlich sein kann - nämlich die Gemeinnützigkeit aufzuheben und den Wohnbau der Gewinnmaximierung zu unterwerfen. Was dazu geführt hat, dass hier die Mieten exorbitant erhöht wurden. Höhere Mieten, die nur dazu führen, dass Kapitalgeber Gewinne erzielen, das ist politisch verantwortungslos!